Neuer Blickwinkel auf Yoga

Die umfassende Weisheit des Yoga konnte bisher kaum erkannt werden und dazu haben die oft seltsamen Vorstellungen von Yoga geführt. Einige der häufigsten Missverständnisse sollen hier aufgeklärt werden. Um Yoga zu praktizieren, muss niemand sein Zuhause verlassen und in der Einsamkeit leben. Yoga ist nicht in erster Linie für Entsagende oder Sannyasins, denn eine partnerschaftliche oder sexuelle Beziehung ist für die Ausübung von Yoga kein Hindernis, ebenso wenig muss man unbedingt Vegetarier sein. Das wahre Ziel von Yoga ist es, Frieden und Ruhe im Inneren zu finden, und dafür kann die gewohnte Lebensweise beibehalten werden.

Yoga ist äußerst praktisch und hat nichts mit theoretischen Spekulationen zu tun. Aus yogischer Sicht gibt es keinen Unterschied zwischen dem Leben eines Menschen, der seinen Verpflichtungen mitten im Leben nachkommt und dem eines Mönches oder Entsagenden, oder zwischen dem Leben einer Frau und dem eines Mannes. Auch hier gibt es oft vage Vorstellungen, die annehmen lassen, Yoga habe keinen Platz in unserer heutigen modernen Welt.

Das Praktizieren von Yoga allein kann mentale und körperliche Leiden beheben und Freude in unser Leben bringen, besonders dann, wenn um uns herum alles aus den Fugen zu geraten scheint. Das ist der Grund, warum Yoga eine wichtige Rolle in unserem heutigen Leben spielen kann. Selbstdisziplin und ein besonderes Verhalten sind nicht Voraussetzung, um mit Yoga zu beginnen. Man kann sich weiterhin an den schönen Dingen des Lebens erfreuen, weltliche oder materielle Ambitionen und Bestrebungen haben und gleichzeitig ein Yogi sein. Die entscheidende Lehre des Yoga ist es, frei zu sein von jedem Anhaften und sich nicht zum Sklaven seiner Wünsche zu machen.

Wer ernsthaft Yoga übt, bleibt unberührt wie das Meer, das die turbulenten Wasser der hereinströmenden Flüsse aufnimmt. Ein Yogi kann sinnliche Erfüllung genießen, ohne ihr verfallen zu sein. Das Leben mit all seiner Schönheit und seinen Schwierigkeiten zu umarmen, ist der Weg und nicht die Lebensverachtung. Sich in die Einsamkeit zurückzuziehen und entrückt in der einsamen Stille von Samadhi zu verweilen, ist nicht das Ideal. Wahre Größe liegt allein darin, mitten im Tumult des Lebens und trotz aller Widrigkeiten unerschütterlich zu bleiben.

Ein Arzt, der nur gesunde Patienten behandeln will, ist kein Arzt. Wäre Yoga nur für Menschen, die körperlich und mental völlig gesund sind, wäre er nicht die große Wissenschaft des Lebens. Yoga hat einen sehr viel größeren und umfassenderen Wirkungsbereich, als meist vermutet wird. Als durchaus rationale Wissenschaft kann Yoga für alle Menschen in jeder Lebenssituation ein Segen sein. Nach den immer wiederkehrenden mentalen und körperlichen Mühen des Tages lässt sich durch Yoga Spannkraft und Vitalität wiederherstellen.
Menschen, die im Berufs- und Familienleben verankert sind, verausgaben sich ständig. Ihr Bemühen, das Herdfeuer in Gang zu halten, ihre Aktivitäten, um den sozialen, nationalen und internationalen Verpflichtungen nachzukommen, sind wahrhaft Opfergaben. Ist man sich dieser Tatsache bewusst, kann der Blick auf die Selbstverwirklichung ungetrübt bestehen bleiben, auch und gerade inmitten der unermüdlichen harten Arbeit.

Niemals endende Aktivität im Strudel des Lebens fordert allerdings auch ihren Preis. Ängste, Frustration, geistige und körperliche Erschöpfung, all das beschleunigt den Alterungsprozess. Yoga ist ein kraftvolles Heilmittel gegen diese Zerstörungskräfte.


Vielleicht fragt sich jemand, ob das lebenslange Zölibat eine unabdingbare Voraussetzung für die Ausübung von Yoga ist. Doch das kann nicht sein, denn schon die großen Weisen haben deutlich betont, dass jeder mit Yoga beginnen kann, nach der erhabenen Yoga Wissenschaft streben kann, dass es keinerlei Einschränkungen gibt – ob man sich nun an der Schwelle zum Leben befindet, den Frühling der Jugend oder die Ehrwürdigkeit des Alters erreicht hat.

Yoga ist mehr als der achtstufige Weg des Ashtanga Yoga, der in alten indischen Schriften beschrieben wird. Yoga beinhaltet eine Vielfalt von Wegen, und gerade das macht ihn so wirkungsvoll. Diese Vielfalt drückt sich aus in: Asana (yogische Haltungen), Pranayama (yogische Atemübungen), Japa (Wiederholung eines Mantras), Nada Yoga (Yoga der Klangschwingung), Trataka (den Blick auf einen Punkt fixieren), Karma Yoga (Yoga der selbstlosen Handlung), Bhakti Yoga (Yoga der Hingabe), Jnana Yoga (Yoga des Erforschens) und Raja Yoga (Yoga der Meditation). All das sind verschiedene Aspekte von Yoga. Sogar Musik spielt auf dem Yoga Weg eine wichtige Rolle und Bhakti Yoga beruhigt aufgestaute Gefühle und einen erhitzten Geist. Unsere ganz alltägliche Arbeit kann Yoga sein. Das ganze Leben mit seinen Höhen und Tiefen kann mit dem richtigen Wissen Yoga sein. Das Feld ist groß und einladend. Die Schönheit von Yoga kann all unsere Aktivitäten im Leben transformieren.

Das trifft auch auf die Verstrickungen und schwierigen Zeiten des Lebens zu, denn auch sie sind Teil der Realität. Schwierigkeiten gehören zum normalen Leben und lassen sich nicht lösen, indem wir den unangenehmen Situationen des Lebens aus dem Wege gehen. Das Leben ist keine Illusion, es ist und bleibt ein Schlachtfeld. Für einen Philosophen mag es eine Illusion sein, denn seine Welt ist oftmals eine Welt der Imagination, und seine Füße stehen nicht immer auf festem Boden. Patanjalis Yamas (Moralkodex) und Niyamas (Verhaltenskodex), so lautet meist die Übersetzung, waren für eine längst vergangene Zeit, die noch voller Tugenden war. Heute allerdings ist um uns herum alles voller Unwahrheiten, Gewalt und unzähliger anderer Unvollkommenheiten. Wahrhaftigkeit (Satya), Freisein von Gewalt (Ahimsa), usw. sind bewundernswerte Kräfte, sie stehen jedoch nicht an erster Stelle von Yoga, und jeder muss für sich entscheiden, wann er sich ihnen widmen will. Das sich Aneignen unerreichbarer Tugenden ist nicht das Ziel von Yoga. Wir haben es mit einer rationalen Wissenschaft zu tun, die Techniken anbietet, mit denen der unruhige Geist zur Ruhe gebracht werden kann. So können die physischen und mentalen Energien nutzbringend eingesetzt werden, um unsere Ausdauer und Spannkraft aufrechtzuerhalten. Das wahre Ziel von Yoga ist die Entwicklung einer in sich ausgewogenen Persönlichkeit. Der beste Weg, um das zu erreichen, ist eine Synthese von Bhakti, Karma, Jnana und Raja Yoga. Dadurch können sich die sich oft widersprechenden Kräfte Verstand und Emotionen in ein gesundes Gleichgewicht bewegen. Nur ein gutes Zusammenspiel beider Kräfte führt zu innerem Frieden.

Das Wort Yoga hat eine große Bedeutung. Es stammt aus der Sanskrit Wurzel yuj (vereinigen). Yoga bedeutet Einssein. Bewusst an den Freuden und Leiden aller Menschen teilzunehmen, den Horizont zu erweitern und über das kleine, begrenzte Leben hinauszugehen, ist Yoga. Aus dieser Perspektive betrachtet, lässt sich Yoga nicht mehr als individualistisch oder egozentrisch bezeichnen. Emotional mit allen Menschen im Einklang zu sein, so wie eine Mutter mit ihrem Kind, ist der Schlüssel, um Isolation zu überwinden.


Yoga steht daher für körperliches und mentales Wohlbefinden. Für die leidende Menschheit ist Yoga eine Therapie für Körper und Geist. Für jemand, der auf Suche nach der Wahrheit ist, ist er der kürzeste Weg, das höhere, das göttliche Bewusstsein zu erfahren. Yoga ist in der Tat ein Meisterwerk der Vollkommenheit. Nenne ihn ein Programm, eine Methode oder eine Philosophie. Ein Programm ist er mit seinem anzustrebenden Ziel. Eine Methode ist er mit den methodisch klaren und verständlichen Übungen. Wie auch immer die individuelle Orientierung für den spirituellen Weg aussieht, Meditation und andere Übungen sind ein wichtiger Aspekt im sonst mehr nach außen gerichteten Leben. Es gibt nur wenige Methoden, die für jeden geeignet und vielseitig anwendbar sind, und doch zur höchsten Stufe der Selbstverwirklichung führen können. Yoga ist eine davon, und dieser Weg hat weltweite Anerkennung.

Um unsere oft hochgesteckten Ziele im Leben zu erreichen, brauchen wir Willenskraft, die mit einer unausgewogenen Persönlichkeit nicht aufzubringen ist. Nur mit Willenskraft können wir materiellen und auch spirituellen Fortschritt erlangen. Durch die Verschiedenartigkeit der yogischen Übungen lässt sich die innere Willenskraft stärken und angestrebte Ziele lassen sich erreichen.

Erfreust du dich eines glücklichen, harmonischen Lebens? Bist du in deinen ganz alltäglichen Aktivitäten immer im Hier und Jetzt und voller Enthusiasmus? Kannst du dich mit einem kühlen Kopf und Zuversicht darüber erheben, wenn sich widrige Umstände gegen dich richten? Für diese Kunst des Lebens steht Yoga.

Aus: Kräftespiel des Yoga von Swami Satyananda Saraswati


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