Sannyasin

Was ist ein Sannyasin?

Swami Satyananda ist seit vierzig Jahren Sannyasin. Zwölf Jahre lebte er im Ashram seines Gurus Swami Sivananda von Rishikesh. Zwölf Jahre zog er als mendicant, als wandernder Sannyasin durch Indien, Ceylon und Afghanistan. Vor fünfundzwanzig Jahren gründete er die Bihar School of Yoga in Munger (Indien) und durch seine Inspiration und seine dynamische Kraft finden wir heute diesen wunderbaren Ashram auf dem Hügel über dem Ganges und viele Ashrams und Yogaschulen in der ganzen Welt.

Er wird von unzähligen Menschen geliebt und verehrt und alle Annehmlichkeiten stehen ihm zur Verfügung. Er könnte wie ein König leben. Aber er lässt sich nicht von den vergänglichen Freuden verlocken. Er zeigt uns allen den wahren Sannyasin, den Wanderer, der auf diese Weise die Probleme und Sorgen seiner Mitmenschen kennen lernt.

Im letzten Sommer verließ Swami Satyananda seine Residenz, den Ashram in Munger, um als wandernder Sannyasin - unerkannt und bettelarm - durch Indien zu ziehen. Er geht schweigend und trägt nichts mit sich, außer seiner gheru-farbenen Robe. Wenn er zurückkommt, wird er als Sannyasin kommen und nicht als Guru.

Ich bin zutiefst betroffen und dankbar für sein Beispiel, was er uns gibt - seinen Sannyasins, Karma Sannyasins, Schülern und Freunden - und möchte dieses Heft dem Sannyasin widmen.

Swami Prakashananda Saraswati - Im Januar 1989

Der Sannyasin

Alles in der Natur strebt nach Vollkommenheit. Ein Stück Materie entwickelt sich zu einem Kristall. Kohle verwandelt sich in einen Diamanten. Einfacher Stein verformt sich zu einem Edelstein. Ein ordinäres Insekt entwickelt sich in etwas Besonderes. Vögel werden so schön, dass man sie anschauen muss. Tiere entwickeln sich zu graziösen Geschöpfen. Ein Mensch der Vollkommenheit wird Gott.

Im Konventionellen wird der Sannyasin Gott-Mensch genannt. Dieses Wort hat sowohl negative wie positive Bedeutung. Die negative Bedeutung ist - einer, der dem Weltlichen entsagt hat; die positive Bedeutung ist - einer, der den Höhepunkt der Verwandlung erreicht hat. Dem ordinären Sinnesleben zu entsagen, führt zu der Voraussetzung, das erwünschte göttliche Leben zu leben. Das Weltliche macht Platz für das Göttliche.

Eine voll gereifte Frucht löst die Verbindung mit dem Baum, der ihr einst Nahrung gegeben hat. Sie hat nun andere, kosmische Funktionen zu erfüllen. Genauso so ist es bei einem Sannyasin. Die Erfahrungen, die er in seinen vergangenen Geburten mit dem vergänglichen weltlichen Leben gemacht hat, sind alle in seinem Gemüt gespeichert. Nach Besitz und Nachwuchs hat er kein Verlangen mehr. Jetzt will er das sinnliche Leben in ein geistiges Leben verwandeln. Aus diesem Grunde entsagt er formal dem weltlichen Heim und den weltlichen Verwandten. Die Bindungen schneidet er ab und hat nichts mehr mit ihnen zu tun. Er betrachtet nun alle als gleich. Das Partielle macht Platz für die Gleichheit, Nationalität der Universalität. Der Sannyasin ist bereit, das Göttliche in allen zu sehen.

Das nationale indische Ideal ist Spiritualität, nicht Weltlichkeit. Dieses Ziel im Leben hat sich durch Siva personifiziert, der gleichzeitig idealer Familienvater und idealer Asket ist. Als Familienvater wurde er an anderer Stelle beschrieben. Als Asket wollen wir ihn hier porträtieren. Sein Name ist auch Tyagaraja, der König unter den Sannyasins. Obwohl er der Herr des Universums ist (Viswanatha), hat er beschlossen, ununterbrochen im Krematorium zu verweilen. Was Shiva tut, ist das Vorbild für den Sannyasin. Während er im Körper lebt, weiß er doch, dass dieser einst dem Scheiterhaufen bestimmt ist. Der Entsagende legt die Ocker-Kleidung als Symbol des Feuers an. Der Körper wird als tot betrachtet. Alle Freuden, die den Körper betreffen, werden im Feuer des Wissens verbrannt. Die körperliche Existenz betrachtet er als Krematorium. Was in ihn hinein und durch ihn hindurchgeht, ist nichts weiter als der Akt der Einäscherung. Genauso ist der Sannyasin nicht sein Körper, obwohl er im Körper lebt. Er hat sich auf einen höheren Auftrag des Daseins eingestimmt.

Shivas Residenz ist das Krematorium und das bringt zum Ausdruck, dass er keinerlei weltlichen Besitz hat. Das ist eine Lektion für den Sannyasin. Abgesehen von seiner neuen Robe nennt er nichts sein Eigentum; und selbst an seine Robe ist er nicht gebunden. Es gibt welche, die mit einem Leinentuch zufrieden sind. Kein Metall darf den Körper des spirituellen Menschen berühren. Die Nerven, die durch göttliche Gedanken und Gefühle verfeinert und gereinigt sind, lassen den Körper auf jeden Kontakt mit Metall allergisch reagieren. Der Heilige bewegt sich mit Leichtigkeit, denn er hat kein unnötiges Gepäck. Eine andere Tugend des Nicht-Besitzens ist es, dass kein Teil des Gemütes von dem Ideal, dem er sich verschrieben hat, abgezogen wird. Auch für den weltlich lebenden Menschen hilft es zur Lösung unerwünschter Probleme, wenn er sich von weltlichem Besitz freimacht.

Shiva vervollkommnt seinen asketischen Aspekt, indem er es bevorzugt, als Bettler zu leben. Man nennt ihn Bhikshatana, was so viel bedeutet, wie jemand, der von Almosen lebt. Aus diesem Grunde nennen Hindus und Buddhisten den Sannyasin Bhikshu. Warum aber sollte Shiva als Herr des Universums das Bettelleben wählen? Dahinter steht ein kosmischer Sinn. Das Tun steht über dem Grundsatz. Sein persönliches Leben ist Beispiel, ist eine äußere Quelle der Unterweisung. Shiva ist sowohl für den Familienvater wie für den Sannyasin Lehrer. Wir haben an anderer Stelle gezeigt, wie der Große Gott den Haushalt des Universums mit all seinen Annehmlichkeiten und Konflikten, Harmonie und Zwist, Frieden und Unruhen, Gutem und Schlechtem führt. Das weltliche Leben mit all seinem Wohl und Jammer erfordert gutes Training. Das ist die erste Lektion, die Shiva durch sein Beispiel gibt.

Als Asket lehrt Shiva die letzte Lektion des menschlichen Dramas. Absichtlich entsagt er allem weltlichen Besitz und wählt das Krematorium als Residenz. Diese beiden Handlungen werden als abnormal, an Geistesstörung grenzend, betrachtet. Aber was zeigt das Bild, welches die Natur dem Menschen fortwährend präsentiert? Was zeigt es dem Menschen, der die Natur unbedingt besiegen will und sich die Geschenke, die von ihr zu haben sind, zu eigen macht? Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wenn er alles von der Natur bekommt, aber letztendlich verliert er alles. Seit Äonen hat der Mensch es versucht, aber so viel er auch seine Methoden wechselt, er wurde immer nur zurückgewiesen.

Die Suche des Menschen, im äußeren Leben sein Ideal zu finden, ist wie die Jagd nach seinen eigenen Schatten. An diesem Punkt tritt Shiva als der allem entsagenden Sannyasin ins Bild. Er zeigt dem fehlgeleiteten Menschen, dass all das, was er in der äußeren Welt sucht, in ihm selbst liegt, und deshalb ist es notwendig, sich aus der verführerischen Welt zurückzuziehen. Die vergängliche Natur umgaukelt den Menschen mit vielen Versprechungen, ist aber doch unfähig, ihn mit der einzigen Realität zu vereinen. Shiva entsagt den Geschenken der Natur, sehr wohl wissend, dass sie alle vergänglich sind. Der weise Mensch muss das gleiche tun. Das Unwirkliche aufgeben und das Wirkliche umarmen, das ist Askese. Es ist die Erfüllung des Lebens und nicht die Niederlage, wie der grobe Mensch es betrachtet.

So wird das Bettelleben Ausdruck für Entsagung und Askese. Sich für das Morgen abzusichern, ist eine erfolgreiche weltliche Handlung. Wer nicht sein täglich Brot auf rechte Weise für sich verdienen kann, ist kein gutes Mitglied der Gesellschaft. Während der normale Mensch sich so am Leben erhält, ist doch derjenige wahrhaft göttlich, der sich von dieser weltlichen Anstrengung zurückzieht und sich ausschließlich dem Göttlichen widmet. Das Leben eines Heiligen ist zu wertvoll, um für diese weltlichen Angelegenheiten benutzt zu werden. Und es ist die heilige Pflicht der Gesellschaft, den Körper eines göttlichen Menschen zu erhalten. So entstanden in allen Religionen die Bettelorden. Siva selber ist der personifizierte Bettler. Alle Entsagenden sind seine Nachfolger. Indem man ihnen Almosen anbietet, gibt man Shiva seine Verehrung.

Die Position eines Bettlers in der Gesellschaft und die eines geistigen Bettlers verlangt eine genauere Betrachtung. Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus sind beide von der Gesellschaft abhängig. Der Bettler will oder kann sein Brot nicht selbst verdienen. Er ist eine Drohne, indem er mit dem Mitleid der anderen rechnet. Er leidet unter einem Minderwertigkeitskomplex. Entweder ist er gefühllos oder er hat Schuldgefühle, weil er von der Gesellschaft abhängig ist. Der Heilige ist ganz versunken in der Göttlichkeit; Essensorgen kommen ihm nicht in den Sinn. Obwohl er in der Lage ist, sein Brot auf ehrenhafte Weise zu verdienen, betrachtet er doch diese Handlung als erdgebunden.

Brotverdienende Mentalität ist niedrig und vulgär. Leben ist eine geheiligte Stiftung, die dem Gottesdienst gewidmet ist. Der Sannyasin denkt nicht an körperliche Bedürfnisse, es geschieht gleichsam als göttliche Fügung. Zweifellos erhält er Nahrung durch menschliche Hilfe, aber der Heilige fühlt sich den Menschen oder Gott gegenüber nicht in Schuld für diese Almosen. Das ist seine Sichtweise. Dankbarkeit gehört zu dem Selbstsüchtigen und nicht zu dem Menschen der Hingabe.

Ein weltlicher Mensch, der sich um seine eigene Nahrung bemüht und ein Sannyasin, der Almosen entgegennimmt - Welten liegen dazwischen. Der erste ißt zur Selbsterhaltung und der zweite betrachtet es als Hingabe zu Gott. Der eine sorgt sich, wenn es keine Nahrung gibt oder wenn das Essen nicht gut ist. Für den anderen sind Essen, Nichtessen oder Armut Fügung. Leben und Tod sind sich gleich.

Wie ein Sannyasin Almosen empfängt und sich ernährt, ist eine Wissenschaft für sich, das gilt für alle Religionen. Es beginnt mit dem frommen Familienvater, der nicht nur für sich selbst lebt. Seine Familie ist ihm ein heiliges Treuhandeigentum. Die tägliche Nahrung, die er kocht, ist in erster Linie zum Wohle der anderen und erst in zweiter Linie für die Familienmitglieder. Die hingebungsvoll gekochte Speise wird zuerst Gott gewidmet, das ist oberster Grundsatz. Der Anteil, der für die Heiligen und die Mittellosen gedacht ist, wird zur Seite gestellt; dann erst werden die Hausbewohner pflichtbewusst bedient.

Auf der anderen Seite möchte der Sannyasin eine einzelne Familie nicht überbeanspruchen. Wie eine Biene den Honig von verschiedenen Blumen sammelt, so nimmt er täglich Almosen von verschiedenen Häusern entgegen. Er ist in Gedanken an Gott versunken. Mit dem traditionellen Stock in der einen Hand und der Bettelschale in der anderen geht er freundlich zu einem Haus, steht ruhig und ernst, oder nennt Gottes Namen oder spricht: Oh Göttin des Hauses, lasse dich herab, Almosen zu geben. Eine Minute vergeht. In dieser Zeit ist entweder verehrende oder keine Erwiderung. Denn nicht alle Weltlichgesinnten haben die gleiche Einstellung.

Aber für den Sannyasin sind sie alle gleichermaßen Gottes Manifestation. Er wird daher jedem von ihnen gegenüber die gleiche heilige Einstellung haben - dem, der gibt und dem, der verweigert. Der Heilige glaubt nicht, Empfänger zu sein und deshalb gibt es keine Enttäuschung. Wenn jedoch Enttäuschung, Ärger und ein ungutes Gefühl in ihm aufsteigen, was ein Zeichen des Egos ist, dann ist das schlecht für ihn selbst und für die Person, gegen die diese Gefühle gerichtet sind. Unter allen Umständen und jedem Wesen gegenüber sollte der Sannyasin eine gütige und göttliche Einstellung behalten. Auch in solchen Menschen, die aus weltlicher Sicht als schlecht gelten, erkennt er Gott. Der Orden, zu dem er gehört, verlangt diese erhabene Einstellung von ihm.

Die Almosen, die er erhält, sind nicht immer gesund, manchmal sind sie sogar gesundheitsschädlich. Trotzdem wird er sie annehmen und sie als göttliche Gabe betrachten. Almosen zurückzuweisen, gilt als unwürdig. Schließlich bewegt sich der Sannyasin nicht deshalb durch die Welt, um Nahrung zu erhalten. Sein Lebensideal liegt darin, zwischen Essen und Fasten keinen Unterschied zu machen. Beides betrachtet er als göttliche Gabe. So macht sich der Sannyasin selber zum Meister.

Der frei fließende Fluss und der sich bewegende Sannyasin werden immer ihre Reinheit bewahren. Der Entsagende leistet den Schwur des Herumwanderns. Er bleibt nicht länger als zwei oder drei Tage an einem Platz und nimmt Almosen nicht öfter als einmal von einem Haus. Das heilige Land von Bharata hat vier bedeutende Tempel in den vier Himmelsrichtungen - Puri im Osten, Badrinath im Norden, Dwaraka im Westen und Rameswaram im Süden.

Der wandernde Sannyasin besucht alle vier heiligen Pilgerplätze und kommt so zu den wichtigsten, die dieses weite Land der Heiligtümer zu bieten hat. Klima, Gebräuche, Kleidung und Sprachen sind unterschiedlich; auch Hautfarbe und Körperbau unterscheiden sich. Während er sich zwanglos der sich verändernden Umwelt ausliefert, bleibt sein Gemüt fest verankert im Göttlichen. Seine spirituelle Disziplin wird durch das sich verändernde Panorama zutiefst gestählt. Der Sannyasin wird durch persönliche Erfahrung herausfinden, dass hinter den unvermeidbaren Veränderungen dieses riesigen Subkontinents Indien eine Einheit besteht.

Das Herumwandern des Heiligen ist nach gewisser Zeit beendet. Er sucht sich einen geistesverwandten Platz und versenkt sich nun noch mehr in das Göttliche. Das zwanglose Herumwandern und um Almosen bitten ist in dem Moment beendet, wenn er sein Körperbewusstsein überschreitet. Bei der Nahrungsbeschaffung spielt nun sein eigener Wille keine Rolle mehr, sondern nur der göttliche. Anhänger finden heraus, wo dieser Gott-Mensch lebt und tragen Nahrung zu ihm. Vielleicht hat er sich in eine Berghöhle vergraben, um in der göttlichen Vereinigung zu verharren.

Auch hier wird für sein körperliches Wohl gesorgt. Wenn nötig, wird die Nahrung in seinen Mund gelegt. Während der normale Mensch und andere hohe und niedere Wesen Tag und Nacht in glühender Suche nach Nahrung verbringen, ist es nun umgekehrt: die Nahrung geht auf Suche nach dem spirituellen Menschen, der sein Körperbewusstsein überschritten hat. Es ist ein göttliches Gesetz, von dem die Natur regiert wird. Erdgebundene Kreaturen würden verhungern, aber den Gott-Trunkenen wird der Körper erhalten, auch dann, wenn er keinen Gedanken daran verschwendet.

Die Institution des Ashrams ergänzt das System der wandernden Sannyasins. Das Herumwandern ist hart und verlangt viel von einem, das Leben im Ashram ist entgegenkommend und milde. Nur solche mit einem starken Körper und unerbittlichem Gemüt können das Wanderleben auf sich nehmen. Der wandernde Sannyasin ist wie ein Löwe, der im Wald umherstreift, während der Novize wie ein Junges ist, um das man sich kümmern muss. Der Ashram ist eine heilige Institution, wo der Entwicklungsprozess vom Menschlichen zum Göttlichen stattfindet.

Loslösung vom weltlichen Leben und Verlangen nach spirituellem Leben ist die Voraussetzung zum Leben im Ashram. So wie das Leben einer brütenden Henne unweigerlich in die Schale des Eis gelenkt wird, so liegt die spirituelle Reifezeit des Jüngers ganz und gar im Ashram. Gegen weltliche Zerstreuungen ist er abgeschirmt, er kann ganz und gar in ethischen und spirituellen Dingen aufgehen.

Indoktrination ist etwas, was den vedantischen Klöstern fern liegt. So wie verschiedene Blumen in ein und demselben Garten blühen, so haben alle Geistesrichtungen - theistisch, atheistisch, agnostisch, ketzerisch, nihilistisch, leichtgläubig, analytisch, kritisch, kontemplativ, aktiv und emotional - auf dem Vedanta-Weg ihren Platz. Der Mensch entwickelt sich nicht vom Falschen zur Wahrheit, sondern vom teilweisen Wissen zur klar erkannten Wahrheit. Studium, Gedankenfreiheit, Debattieren und Diskutieren, das sind die angewandten Methoden für intellektuelle Klarheit.

Das, was am meisten zählt, ist der ethische und spirituelle Hunger. Der Schwung, der durch diesen Hunger erzeugt wird, führt ihn in Regionen des Überweltlichen. Physischer Hunger und Durst werden mit philosophischer Indifferenz gehandhabt, während die Gedanken eines weltlichen Menschen hier zentriert sind. Er dankt Gott für seine tägliche Nahrung und weiß doch nicht, dass jeder Bissen, den er nimmt, ein Verlust für andere Leben ist.

Der Sannyasin sieht in Leben und Tod das gleiche, denn er hat sich selbst Gott hingegeben. Seine Nahrungsaufnahme ist eine Opfergabe an Gott. Er ist sicher kein Sannyasin, wenn er dem Akt des Essens Bedeutung beimisst. Ein gut organisierter und idealer Ashram versorgt mit reiner und angenehmer Nahrung, die der Heilige in Maßen zu sich nimmt, ohne Gaumenfreuden, sondern im Geiste der Selbst-Entsagung.

Der Tagesablauf in einem Ashram ist beachtenswert. So etwas wie spät aufstehen gibt es nicht. Die Verehrung des Höchsten beginnt in den frühen Morgenstunden und findet ein Ende um zehn Uhr abends. Außer einigen Stunden Schlaf werden Tag und Nacht dazu benutzt, dem Schöpfer leidenschaftlich zu dienen. Kommunion, Kontemplation, Meditation, Gebet, Singen, Rezitieren, Dienen, körperliche Arbeit - dies und anderes sind Methoden, um sich im Göttlichen zu verlieren. Hand, Herz und Kopf werden dem Ursprung der Existenz ganz übergeben. Die Phänomene Zeit, Raum und Ursache verlieren sich im Ashramleben.

Die göttlichen Charakterzüge Shivas kann man in unterschiedlichen Abstufungen bei Sannyasins wieder finden, die zu seiner Gefolgschaft gehören. Das Wort Siva bedeutet 'Der Günstige'. Was immer von Shiva ausgeht, dient dem Wohle der anderen. Dazu erzählt man folgenden Mythos: Als das endlose Milchmeer in Bewegung kam und die Annehmlichkeiten des Lebens im Überfluss verteilt wurden, wollte Shiva nicht teilhaben an diesen verlockenden Dingen. Er blieb absolut allein für sich. Als aber aus dem Milchmeer auch Gift hervorquoll und die Vergnügungs-Suchenden zu zerstören drohte, kamen sie bestürzt zu ihm und suchten Schutz und Hilfe bei dem Großen Gott. Gütig nahm er all das Gift in sich auf und rettete die, die in Not waren.

Es ist Shivas Wunsch, die Sorgen und Kümmernisse, die unvermeidbar sind, wenn man anderen Gutes tut, auf sich zu nehmen. Jede gute Handlung trägt gleichzeitig das Schlechte in sich. Normale Menschen suchen das Gute unter Ausschluss des Bösen. Nur der ist Sannyasin, der Selbstverleugnung bis zum äußersten praktiziert. Shivas Wahl, im Krematorium zu residieren, ist Symbol seiner Selbstverleugnung. Körperliche Freuden sind auf die Seite gefegt. Der Körper ist den weltlichen Dingen gegenüber eine Leiche. Er ist tot für alle Selbstsucht. Dieses scheinbare Opfer des Körpers ist in Wirklichkeit die Entwicklung zum Göttlichen.

Auf diese Weise blüht der Sannyasin in Spiritualität und ist nützlich für die Gesellschaft. Der geopferte Körper ist das Gotteshaus. Er wird in und durch seine Kreaturen als Gottesdienst benutzt. So wie Shivas Taten immer Gutes hervorbringen, so bewirken auch die Taten der Sannyasins immer Gutes. Was immer er tut, tut er im Dienst des Schöpfers, und so entspringt nur Gutes. Ein Sannyasin, der im Göttlichen verwurzelt ist, ist das nützlichste Glied in der Gesellschaft.

Der orthodoxe Sannyasin leistet den Schwur, weder mit Gedanken, noch Worten und Taten an Aktivitäten teilzuhaben, die den Kreislauf von Geburt und Tod antreiben. Eingedenk dieses Schwurs denkt oder spricht er nicht über Angelegenheiten, die mit Hochzeit oder Anhäufung von Reichtum zu tun haben. Wo geheiratet wird, ist er nicht anwesend. Er nimmt keine Speise, die im Zusammenhang steht mit Geburt, Hochzeit oder Tod.

Es gibt aber einige menschenfreundliche und sozial notwendige Aktivitäten, die zwar weltlich scheinen, aber durch einen Sannyasin in einen heiligen Akt verwandelt werden. Erdbeben, Epidemien, Überschwemmungen, Hungersnöte und ähnliche Katastrophen bringen der Menschheit viel Leid. Zu so einer Zeit ist der Sannyasin da und bereit, Schmerz zu lindern. Er tut es aus dem Wunsch, zu dienen. Wenn er ein Waisenhaus leitet, ist das ein Akt des Dienens. Er gibt medizinische Hilfe als Akt des Dienens. Er unterweist Menschen in Selbstvertrauen und Selbsthilfe als Akt des Dienens. Der Sannyasin tut der Gesellschaft Gutes, aber betrachtet dies als Verehrung Gottes.

Der Sannyasin verbreitet Licht, wohin er auch geht. Er bringt Licht, erzeugt aber keine Hitze. Er ist ein Friedensbringer. Rechte innere Einstellung, rechtes Verstehen, rechte Beziehung und rechtes Leben - das sind die vier Kardinal-Tugenden, die er propagiert. Er erfüllt, aber zerstört nicht. Der vollkommen erleuchtete Mensch hört auf, zu sprechen. Wie Shiva in seinem Aspekt als Dakshinamurti lebt er schweigsam in der Glückseligkeit des Selbst. In der erhabenen Anwesenheit eines solchen Menschen werden die Sprachbarrieren überschritten. Welche Sprache ein Aspirant auch spricht, er wird für einen Moment absolut schweigend vor einem solchen Gott-Menschen sitzen. Alle Knoten in seinem Gemüt lösen sich ohne Worte. Und das ist der Segen, den der Sannyasin über die Gesellschaft schüttet.

(Aus `Facets of Brahman' von Swami Chidbhavananda; Yoga Heft 25)


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