Shivaratri

Swami Satyananda Saraswati erklärt das Fest Shivaratri im März 1978

"Der Geist ist das letzte Problem, das der Mensch zu lösen hat, und damit löst er die Ursache all seiner Probleme." - Swami Satyananda Saraswati

Yoga ist an keine Religion, Nation, Rasse oder Hautfarbe gebunden. Es gibt daher auch keine besonderen Feiertage, bis auf einen: Shivaratri. Dieses Fest wird am 13. Tag und Nacht nach Vollmond im Februar gefeiert und ist die symbolische Vermählung von Shiva und Parvati, Shiva und Shakti, die Vereinigung von kosmischem Bewusstsein mit Lebenskraft. Shiva ist der unveränderliche, statische Aspekt des großen Bewusstseins, und Shakti ist die dynamisch-aktive Seite desselben Bewusstseins. Die Vereinigung von Shiva und Shakti ist das Ziel von Yoga.

Solange der Mensch denkt, versucht er, Energie und Bewusstsein und das, was diese beiden Kräfte verbindet, zu begreifen. Das Fest Shivaratri symbolisiert das Suchen nach Vereinigung dieser göttlichen Kräfte. An diesem Tag zelebrieren wir die göttliche Hochzeit von Shiva und Shakti in uns selbst.

Im Westen hat sich eine völlig andere Vorstellung zu dieser Vereinigung entwickelt, die auch langsam nach Indien kommt. Es besteht der Irrglaube, dass Sex und Orgasmus absolut und zwingend erforderlich sind, um physisch, emotional und geistig gesund zu sein. Die ganze Aufmerksamkeit liegt nur auf einem einzigen Ton der ganzen Melodie der menschlichen Verbindung. Aus tantrischer Sicht ist Leben Harmonie. Aber wenn Harmonie entstehen soll, muss jeder Ton richtig gespielt werden. Weder sollte man ihn immer und immer wieder so laut spielen, dass man nur noch einen hört und all die anderen wunderschönen Klänge nicht mehr wahrnehmen kann, noch sollte er so leise angeschlagen werden, dass man ihn nicht hören kann.

Im Eheleben kann ein fortwährender Austausch von positiver Energie zwischen zwei Menschen stattfinden, und die Sexualität ist eine von vielen Ausdrucksmöglichkeiten dieser liebenden Verbindung mit seinem Partner und darüber hinaus mit allen Wesen der Schöpfung. Aber wohin wir auch blicken, müssen wir feststellen, dass die Balance sich verschoben hat und die ganze Aufmerksamkeit nur noch auf das sexuelle Leben gerichtet ist. Wir sollten es weder überbetonen, noch es verleugnen. Die Essenz von Tantra ist Wahrnehmung, und das Ziel von Yoga ist Vereinigung. Wenn die Wahrnehmung eingesetzt wird, um das Urbedürfnis zum Ausdruck zu bringen, kann es ebenfalls Yoga werden.

Diese ungeheure Kraft kann in unserem Leben nutzbar gemacht werden, um uns unserem wahren Selbst näher zu bringen. Sexuelle Energie ist eine physische Manifestation der kosmischen Energie. Wenn sie absorbiert und transformiert wird, kann sie zur größten Kraft werden, um uns spirituell weiter zu entwickeln. Diese Kraft hat alle großen Heiligen der Geschichte erleuchtet. Wenn wir sie richtig gebrauchen, bringt sie uns in die göttliche Vereinigung, wenn wir sie missbrauchen, trennt sie uns immer weiter von uns selbst.

Wenn wir die sexuelle Vereinigung mit dem Wunsch nach Befriedigung suchen, mit einigen isolierten Forderungen und Erwartungen, dann wird es zwanghaft, wird es zur Sucht, und es entsteht nicht Vereinigung, sondern Trennung, Entfremdung. Für einen Moment entsteht Zerstörung; die Spannung, die bestanden hat, verschwindet für kurze Zeit, obwohl die Ursache nicht entfernt, sondern eher noch vertieft wurde. Einen kurzen Augenblick konntest du dich selbst verlieren, aber was du entwickeln solltest, ist, dich selbst zu finden.

Orgasmus ist nichts, was man herbeisehnen muss. Es ist ein Instinkt, um die Fortpflanzung zu sichern, ein unbewusstes Verlangen, um die menschliche Rasse am Leben zu erhalten. Weder die Qualität der Ehe, noch die körperliche Gesundheit der Partner hängen davon ab. Die Überbetonung ebenso wie die Unterdrückung werden die Harmonie der Verbindung zerstören. Die Verbindung, der komplementäre Austausch der Energien, das tägliche Spiel von Shiva und Shakti - das bringt die Vereinigung, die Harmonie, nicht der Sex.

Orgasmus ist ein Nervenkitzel, und wenn er durch gesteigerte Wahrnehmung auf natürlichem Wege kontrolliert wird, lässt der Reiz mehr und mehr nach, und man strebt immer mehr zu den höheren Stufen der Glückseligkeit. Die wahre Liebe hängt nicht ab von körperlichen oder emotionalen Gefühlen, die irgendwann beendet sind, sondern wird von ununterbrochener intensiver Hinwendung geprägt - "standing in love" und nicht "falling in love".

Wenn du im Eheleben übst, deinen Partner und dich selbst wahrzunehmen, wächst die Kontrolle über den Verlauf des Orgasmus. Wenn du erst einmal die Seligkeit der höheren Ebenen erlebst, wird das Aufnehmen und das Empfinden erhöht und transformiert. Das wird sich in dein tägliches Leben übertragen, auf dich selbst, deinen Partner und alle um dich herum. Auch die Empfängnisverhütung kannst du kontrollieren. Wenn Shiva und Shakti sich auf dieser Ebene begegnen, dann ist das die spirituelle Wahrnehmung.

(Aus: Yoga Magazine März 1978) - Swami Satyananda Saraswati


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