Vishuddhi Chakra

Bild eines Yantras vom Vishuddhi Chakra

Was ist das Vishuddhi Chakra?

Das Vishuddhi Chakra wird als das Reinigungszentrum betrachtet. Das Wort Shuddhi bedeutet aus dem Sanskrit übersetzt "reinigen". In diesem Chakra heben sich alle Gegensätze auf. Vishuddhi ist auch als "Nektar- und Giftzentrum" bekannt, weil der von Bindu tropfende Nektar auch Gift enthält, und in diesem Chakra kann das Gift extrahiert werden. Es ist nur der reine, von Gift befreite Nektar, der den Körper wirklich nähren und ihm Gesundheit und Langlebigkeit verleihen kann. 

Vishuddhi ist Ausdruck einer sehr großen Offenheit allen Lebenserfahrungen gegenüber, und das ist die Grundlage für ein tiefes, all durchdringendes Verständnis. Man wird den unangenehmen Lebensaspekten nicht mehr aus dem Wege gehen, um ausschließlich die angenehmen zu suchen. Stattdessen lernt man, mit dem Leben zu fließen und zuzulassen, dass alles so geschieht, wie es geschehen muss.

Sowohl Gift wie auch Nektar werden in Vishuddhi aufgenommen und als Teile eines größeren kosmischen Ganzen betrachtet. Richtiges Verständnis und wahre Unterscheidungskraft entspringen aus dem freudigen Annehmen beider Seiten, den Dualitäten und Polaritäten des Lebens.

Der mehr abstrakte Aspekt von Vishuddhi ist das höhere Unterscheidungsvermögen. Jede Kommunikation, die auf telepathischer Ebene abläuft, kann hier auf Richtigkeit und Genauigkeit überprüft werden. Vishuddhi macht es auch möglich, dass wir zwischen der aus höheren Bewusstseinsbereichen zu uns gelangenden Verwirklichung und dem bloßen Geplapper unseres unterbewussten und wunschorientierten Denkens unterscheiden lernen.

Vishuddhi wird von Aspiranten des Kundalini Yoga oft als unwichtiges Chakra betrachtet. Sie richten ihre Aufmerksamkeit ganz auf Muladhara, Anahata und Ajna, und die Bedeutung von Vishuddhi wird daher leicht übersehen und unterschätzt. Eigentlich sollte es genau umgekehrt sein.

Die Lokalisierung von Vishuddhi Chakra

Vishuddhi Chakra befindet sich am Halsgeflecht, der Einbuchtung des Nackens, und das Kshetram befindet sich im vorderen Hals an der Halsgrube, bzw. nahe der Schilddrüse. Die physiologische Entsprechung von Vishuddhi ist das Rachen- und Kehlkopfgeflecht, der Kehlkopf.

Die traditionelle Symbolik des Vishuddhi Chakras

Einige tantrische Schriften beschreiben Vishuddhi Chakra als dunkelgrauen Lotos. Die bekanntere Darstellung ist jedoch ein purpurfarbener Lotos mit sechzehn Blütenblättern. Die Zahl Sechzehn bringt die Anzahl der Nadis zum Ausdruck, die mit diesem Zentrum assoziiert sind. Auf jedem der Blütenblätter steht in scharlachrot einer der Sanskrit Vokale geschrieben:

am,  aam,  im,  iem, um,  uhm,  rim,  riem,  lrim,  lriem,  em,  aim,  om,  aum,  am,  ah

Den Mittelpunkt des Lotos füllt ein Kreis, der so weiß ist wie der Mond. Er ist Symbol für das Ätherelement oder Akasha. Dieser ätherische Raum wird für jemanden, der seine Sinne gereinigt und unter Kontrolle hat, das Tor zur Befreiung. Im Innern des Mondes ist, ebenfalls als Symbol für Akasha, ein schneeweißer Elefant. Er ist das Tiersymbol dieser Bewusstseinsebene, und der Aspirant kann sich selbst auf dem Rücken des Elefanten sitzend sehen. Auch das Bija Mantra, die Keimsilbe ham, ist Symbol für das Ätherelement und ist in reinweiß geschrieben.

Der göttliche Aspekt von Vishuddhi ist der schneeweiße, dreiäugige Sadashiva. Er hat fünf Gesichter und zehn Arme und ist mit einer Tigerhaut bekleidet. Der Aspekt der weiblichen Gottheit ist Sakini, die reiner ist als ein Meer aus Nektar, das vom Mond nach unten fließt. Ihr Gewand ist gelb, und in ihren vier Händen hält sie Bogen, Pfeil, Schlinge und Stachel.

Vishuddhi gehört zum fünften Loka oder Janah. Das Vayu ist Udana, das bis zum letzten Atemzug verbleibt, um dann den Körper nach oben hin zu verlassen. Mit Ajna Chakra zusammen bildet Vishuddhi die Basis von Vijnanamaya Kosha, der Pforte zu psychischer Entwicklung. Das Tanmatra ist das Hören, der Hörsinn, Organ der Wahrnehmung (Jnanendriya) sind die Ohren, Organ der Handlung (Karmendriya) die Stimmbänder.

Laut Nada Yoga, einem Bereich von Kundalini Yoga, in dem die Klangvibration von Bedeutung ist, werden Vishuddhi und Muladhara als die beiden wichtigsten Schwingungszentren betrachtet. In Nada Yoga wird der Aufstieg des Bewusstseins durch die Chakras auf dem Wege der Tonleiter vorgenommen.

Jede Note der Tonleiter korrespondiert mit einem der Chakras und dem dazugehörigen Schwingungsfeld des Bewusstseins. Die auf diese Weise wahrgenommene Tonleiter wird oft in Verbindung mit Mantras, Bhajans und Kirtans rezitiert. Das ist ein sehr kraftvoller Weg, um die verschiedenen Chakras zu erwecken und für Kundalini zu öffnen.

Muladhara ist die erste und Vishuddhi die fünfte Klangebene der Tonleiter. Sie bilden die Grundklänge oder Vokale, auf die sich die Musik der Chakras aufbaut. Die Klänge der Vokale, die auf den sechzehn Blütenblättern des Yantras geschrieben stehen, sind die Urklänge. Sie entspringen in Vishuddhi Chakra und stehen in direkter Verbindung mit dem Gehirn.

In der Meditation auf das Vishuddhi Chakra wird der Geist so rein wie Akasha. Man wird ein großer Heiliger, wortgewandt und weise und erfreut sich eines ständigen inneren Friedens. Amrit kann als kühle, in das Chakra hinein fließende Flüssigkeit wahrgenommen werden, und der Aspirant wird frei von Krankheit und Leid, er ist voller Mitgefühl und Güte und lebt lange.

Nektar und Gift

In den tantrischen Schriften wird gesagt, dass vom Mond ein vitales Fluidum, eine Art Lebenselixier, zu Bindu Visarga fließt, um das individuelle Bewusstsein, das sich am Hinterkopf befindet, tropfenweise damit zu versorgen. Diese Essenz ist als Nektar bekannt und ist transzendenter Natur. In diesem Kontext kann Bindu als das entscheidende Zentrum verstanden werden, aus dem sich die Individualität vom kosmischen Bewusstsein in Sahasrara ihren Weg bahnt.

Dieses göttliche Fluidum hat viele Namen. In unserem Sprachgebrauch könnte der Name Ambrosia oder der Nektar der Götter, zutreffen. Ein anderer Name ist Amrit, der Nektar der Unsterblichkeit. Die Veden nennen es Soma, und in Tantra hat es die Bezeichnung Madya (göttlicher Wein). Viele der großen Sufi-Dichter sprechen von dem süßen Wein, der spirituell trunken macht.

Den gleichen Symbolgehalt enthalten Rituale des Christentums, in denen Wein geweiht und dann als Sakrament zu sich genommen wird. In jeder religiösen und mystischen Tradition, der am Erwachen eines höheren menschlichen Bewusstseins gelegen ist, finden wir ein entsprechendes Symbol für das nicht zu beschreibende Gefühl der Glückseligkeit.

Zwischen den Chakras Bindu und Vishuddhi gibt es ein weiteres, kleineres psychisches Zentrum, bekannt als Lalana Chakra oder Talumula, das in enger Verbindung mit dem Vishuddhi Chakra steht. Wenn der Nektar von Bindu heruntertropft, wird er in Lalana aufbewahrt. Es ist ein drüsenähnliches Reservoir und befindet sich im hinteren Nasen-Rachenraum, der inneren Höhle über dem weichen Gaumen, in die die Nasenwege hineinlaufen. Wenn du Khechari Mudra ausführst, versuchst du, die Zunge nach oben und nach hinten in diese Höhle hineinzubewegen, um auf diese Weise den Nektarfluss anzuregen.

Obwohl dieses Fluidum als Ambrosia bekannt ist, ist es trotzdem doppelter Natur, denn es kann sowohl Gift wie auch Nektar sein. Das Fluidum tropft von Bindu zu Lalana, hier wird es aufbewahrt. Solange es sich hier befindet, bleibt es undifferenziert, ist also weder Gift noch Nektar. Es fließt von hier ungehindert weiter herunter, um von dem Feuer von Manipura verzehrt zu werden. Das Ergebnis ist der Prozess des Verfalls, der Degeneration und schließlich des Sterbens der Körpergewebe. Dieser Verlauf betrifft jeden, dessen Vishuddhi Chakra nicht erwacht ist.

Durch bestimmte yogische Praktiken, wie Khechari Mudra kann dieser Nektar jedoch vom Lalana Chakra ausgeschüttet und zum Vishuddhi Chakra, dem Reinigungs- und Verfeinerungszentrum, gelenkt werden. Ist Vishuddhi erwacht, kann das göttliche Fluidum hier bewahrt und so genutzt werden, dass es zum Nektar der Unsterblichkeit wird. Das Geheimnis von Jugend und Regeneration des Körpers liegt im Erwachen von Vishuddhi Chakra.

Es gibt eine wunderschöne Geschichte aus der indischen Mythologie, die von dem Nektar und dem Gift in Vishuddhi berichtet. Es wird erzählt, dass die Devas und die Rakshasas als Symbol der guten und bösen Kräfte ständig miteinander im Streit lagen. Jeder versuchte, den anderen zu beherrschen und ihn zu zerstören. Schließlich versuchte Vishnu, den Konflikt zu lösen. Er schlug vor, das Urmeer (welches für die Welt und den Geist steht) umzurühren und den Inhalt gleichmäßig unter ihnen aufzuteilen.

Das klang nach einer guten Lösung, und dem Plan von Vishnu wurde zugestimmt. Das Meer wurde kräftig gerührt, und viele Dinge kamen an die Oberfläche, die zwischen den Devas und den Rakshasas geteilt werden konnten. Es waren vierzehn Dinge, die auftauchten, darunter auch der Nektar der Unsterblichkeit sowie das schrecklichste Gift. Natürlich wollten beide nur den Nektar, und keiner wollte mit dem Gift etwas zu tun haben. Schließlich erhielten nur die Devas den Nektar, denn hätten die teuflischen Rakshasas ihn bekommen, wären sie unsterblich geworden.

Es gab jedoch keinen Entsorgungsplatz für das Gift, weil es großen Schaden verursachte, wo immer es hingeworfen wurde. Das führte wiederum zu einem großen Dilemma, und schließlich nahm Vishnu das Gift und brachte es zu Shiva, um seinen Rat einzuholen. Shiva nahm das Gift mit einem einzigen Schluck in sich auf. Von dieser Zeit an ist einer der Namen von Shiva Nilakantha, der Blauhalsige, und oft wird er auch so dargestellt.

Diese Geschichte macht deutlich, dass mit einem erwachten Vishuddhi Chakra sogar Gift neutralisiert werden kann. Auf einer höheren Wahrnehmungsstufe, nämlich der von Vishuddhi, können selbst giftige und negative Aspekte des Lebens verarbeitet werden, sie verlieren ihre Kraft und können keinen Schaden mehr anrichten, weil die Einteilung in Gut und Schlecht nicht mehr existiert. Auf dieser Wahrnehmungsstufe werden die giftigen Aspekte und Erfahrungen des Lebens aufgenommen und in den Zustand der Glückseligkeit transformiert.

In diesem Chakra ist es möglich, nicht nur inneres, sondern auch äußeres Gift zu neutralisieren und damit unschädlich zu machen. Das ist eines der Siddhis, die mit Vishuddhi Chakra in Verbindung stehen, und viele Yogis besitzen diese Kraft. Sie tritt allerdings nur in Erscheinung, wenn das Halszentrum und außerdem Bindu Visarga im Gehirn, das mit dem Gehirn eng verbunden ist, erwacht sind.

Das Potenzial von Vishuddhi

Durch Vishuddhi wird es möglich, Gedankenschwingungen von anderen Menschen zu empfangen. Genau genommen geschieht das durch ein zu Vishuddhi gehörendes Unterzentrum, das ähnlich arbeitet wie ein Radio, das einen Sender empfängt. Der Yogi ist in der Lage, sich in Gedanken und Gefühle anderer Menschen einzustimmen, ob sie nun nah bei ihm sind oder weit entfernt.

Die Gedankenwellen anderer können an verschiedenen Körperstellen wahrgenommen werden, z. B. im Bereich von Manipura, aber das eigentliche Empfangszentrum für Gedankenwellen und für die Übermittlung ist Vishuddhi. Von Vishuddhi werden sie zu den Hirnzentren weitergeleitet, die mit den anderen Chakras in Verbindung stehen. Auf diese Weise gelangen die empfangenen Gedanken und Gefühle in die individuelle Wahrnehmung.

Mit dem Vishuddhi Chakra ist ein bestimmter Nerv assoziiert, bekannt als Kurma Nadi, das Schildkröten Nadi. Ist dieses Nadi erwacht, ist es dem Übenden möglich, den Wunsch und die Notwendigkeit nach Essen und Trinken völlig zu überwinden. Diese Fähigkeit ist schon von vielen Yogis demonstriert worden.

Vishuddhi ist die eigentliche und legendäre "Quelle der Jugend". Schafft es jemand, dass Kundalini Vishuddhi erreicht, so heißt es, dann erfreut er sich ewiger Jugend. Geschieht das jemandem, der Hatha Yoga, Kundalini Yoga oder Tantra praktiziert, tritt spontan eine körperliche Verjüngung ein. Es gibt einen Wendepunkt im Leben, normalerweise liegt er im 2. oder 3. Jahrzehnt; von hier an ist das Tempo der Degeneration schneller als das der Regeneration und der Alterungsprozess beginnt, Krankheit und Tod ereilen den Menschen.

Bei einigen Krankheiten, wie bestimmten Formen der Leukämie, entwickeln sich die degenerativen und zerstörenden Kräfte noch schneller. Die Verjüngung, die durch Vishuddhi auf das Gewebe, die Organe und die Körpersysteme wirkt, dominiert über den fortschreitenden Alterungsprozess, der für die meisten Menschen unabänderlich ist.

Die Fähigkeiten, die ein erwachtes Vishuddhi Chakra zum Vorschein bringt, sind volles Erfassen der Schriften sowie Erkennen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Alterungsprozess setzt nicht ein. Das Gehör wird äußerst sensibel, dies geschieht allerdings auf dem Wege des Geistes und nicht durch die Ohren. Man erlebt häufig Shunyata, die Leere und überwindet alle Furcht und jegliches Anhaften. Der Yogi ist nun erst in der Lage, frei in der Welt zu arbeiten, ohne an den Früchten seiner Handlung zu haften.

Quelle: aus dem Buch Kundalini Tantra von Swami Satyananda Saraswati


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